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Vom Hörensagen: 13 Podcast-Mythen im Faktencheck

Autorenbild: Christoph Soltmannowski
Christoph Soltmannowski
27. Sept.
5 Min. Lesezeit

Über Podcasts wissen alle etwas. Vieles davon stammt vom Hörensagen. Dreizehn Irrtümer, die in Sitzungszimmern kursieren, und was 600 Folgen im Studio dazu sagen.


Von Christoph Soltmannowski


Sitzungszimmer, Dienstagmorgen. Die Geschäftsleitung will einen Podcast. Die Vorgaben stehen schnell: höchstens 15 Minuten, bitte ohne Video, das sei zu teuer. Ziel: 10 000 Downloads. Nach Folge drei zeigt die Statistik 47 Abrufe. Das Projekt wird still beerdigt.

Jede dieser Vorgaben klingt vernünftig. Jede ist ein Mythos. Seit 2019 sind in unserem Studio in Zürich-Glattpark über 500 Folgen entstanden, erst als Tablecast, heute als Castalavista. Aus dieser Werkstatt kommen die Antworten.


1. «Je kürzer, desto besser»

Wer eine Folge startet, hat Zeit mitgebracht: beim Pendeln, beim Kochen, auf der Joggingrunde. 40 bis 60 Minuten sind der Bereich, in dem ein Gespräch Tiefe bekommt. Der Gast wärmt sich auf, der Host hakt nach, die zweite Antwort ist die ehrliche. Die Regel bleibt streng: dicht statt lang. Fällt ohne eine Passage eine Information weg? Wenn nein: raus. Über die Länge einer guten Folge beschwert sich selten jemand. Beschwerden gibt es über langweilige Minuten, egal wie viele es sind. Wer auf 15 Minuten kürzt, schneidet oft genau die Stelle weg, an der der Gast zu erzählen beginnt.


2. «Ein guter Podcast verbreitet sich von selbst»

Die Aufnahme dauert eine Stunde. Sie macht rund 30 Prozent des Aufwands aus. Die übrigen 70 Prozent gehören der Vorbereitung und vor allem der Verbreitung: Clips, Newsletter, LinkedIn, Episodenseite, persönliche Hinweise an Gäste und Kunden. Ein Podcast ohne Bewerbung ist ein Buch im Keller. Es existiert, aber niemand liest es. Den wirksamsten Kanal haben die meisten Firmen schon: den Gast. Wer über sich spricht, teilt die Folge gern mit seinem Netzwerk. Dafür braucht er einen Clip, ein Zitat und einen Link. Diese Arbeit kann das Studio übernehmen. Die Entscheidung, dranzubleiben, bleibt beim Absender.


3. «Unter Tausenden Downloads lohnt es sich nicht»

Joe Rogan hat Millionen Hörer. Ein Schweizer Firmenpodcast hat vielleicht 300. Der zweite ist oft das bessere Geschäft. Im Corporate-Podcast hören Kunden, Partner und künftige Mitarbeitende zu. 300 Menschen, die jede Folge hören, sind 300 gepflegte Beziehungen. «GMP Unfiltered» spricht Fachleute aus der Life-Science an, «Swiss Money Secrets» Vermögende mit Fragen zur Schweiz. Keines dieser Formate zielt auf die Masse. Die Wirkung geht in die Tiefe und hält über Jahre. Ein Beispiel aus dem Alltag: Der Marketingleiter meldet 312 Abrufe und entschuldigt sich. Der Vertriebsleiter findet unter den Hörern drei Kunden, mit denen er seit Monaten einen Termin sucht. Dieselbe Zahl, zwei Urteile.


4. «Videopodcasts sind viel teurer»

Diese Rechnung stammt aus der Zeit, als Video eine eigene Filmcrew bedeutete. In unserem Studio sind drei Kameras, Licht und Regie fest eingerichtet. Sie laufen bei jeder Aufnahme mit. Die Audiofassung fällt aus derselben Aufnahme ab. Das Bild kostet bei uns keinen Aufpreis. Es liefert dafür Clips, Standbilder und Zitatgrafiken, die ein reiner Audiopodcast nie hergibt. Teuer wird Video dort, wo jede Aufnahme neu aufgebaut wird: Kameras mieten, Licht einrichten, Ton testen. Im fest eingerichteten Studio beginnt die Aufnahme auf Knopfdruck.


5. «Ein Podcast ist schnell gemacht»

Mikrofon, Software, Gast: fertig. So beginnen viele Podcasts. So enden sie auch, oft nach etwa sieben Folgen. Die Branche nennt das leise Verstummen Podfade. Ein Podcast ist ein Marathon. Das Publikum kommt zögerlich und bleibt dann lange. Der ComSumCast mit Reto Lipp lebt von dieser Ausdauer. Unser Mittel dagegen: drei Folgen an einem Drehnachmittag. Das ist ein Monat Vorrat.


6. «Ein Interview ist ein Fragenkatalog»

Marek Krynski, Gründer der Street Parade, sass im Soltis Studiocast. Die erste Frage kannte er, die zwölfte nicht. Dort begann das Gespräch. Vorbereitet waren 30 Fragen, gestellt wurden zwölf. Der Katalog ist eine Landkarte, kein Fahrplan. Wer das Terrain kennt, darf abbiegen: nachhaken, widersprechen, ein Beispiel verlangen. Das gilt auch, wenn die Chefin selbst fragt. Ein Podcast ist ein Gespräch. Ein Verhör hört niemand freiwillig 45 Minuten lang.


7. «Beim Videopodcast zählt das Bild»

Die Forscher Eryn Newman und Norbert Schwarz spielten denselben Vortrag zweimal vor, in gutem und in schlechtem Ton. Bei schlechtem Ton galt der Inhalt als weniger glaubwürdig, der Sprecher als weniger kompetent. Viele schauen einen Videopodcast gar nicht, sie hören ihn. Ein verwackeltes Bild verzeiht das Publikum. Hall und Rauschen verzeiht es nie. Der Ton ist das Produkt.


8. «Video braucht niemand»

Über eine Milliarde Menschen schauen jeden Monat Podcasts auf YouTube. 52 Prozent der Podcast-Nutzer bevorzugen inzwischen die Videofassung, ein Jahr zuvor waren es 36 Prozent. Podcast-Apps zeigen neue Folgen nur Abonnenten. YouTube empfiehlt das Gespräch Menschen, die den Absender noch nicht kennen. Die Kamera sieht zudem, was das Mikrofon verpasst: die Pause vor der heiklen Antwort.


9. «Remote klingt wie im Studio»

Zoom und ähnliche Dienste kappen die Frequenzen oberhalb von rund 7000 Hertz. Die Stimme verliert Präsenz. Eine Studie der Universität Marburg zeigt: Besonders Frauenstimmen wirken über Videocall weniger kompetent als im Original. Am Studiotisch sitzen zwei Menschen einander gegenüber. Das hört man, und man sieht es. Remote-Aufnahmen haben ihren Platz, wenn der Gast in New York sitzt. Für das wichtigste Gespräch des Quartals lohnt sich die Anreise in den Glattpark.


10. «Podcasts sind etwas für Junge»

Die ARD/ZDF-Medienstudie 2025 widerspricht. Die Podcast-Nutzung wächst in allen Altersgruppen. Bei den 50- bis 69-Jährigen stieg sie um vier Punkte auf 25 Prozent. Bei den über 70-Jährigen stieg sie um fünf auf 14 Prozent. Wer Entscheider erreichen will, erreicht sie über den Kopfhörer. «AI und Gesellschaft» für die Stiftung Text Akademie spricht Berufsleute an. Sie suchen ihren Weg in die KI-Welt. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Das Thema schon.


11. «Eine Folge ist ein Post»

Die meisten Firmen nutzen ein Gespräch genau einmal: veröffentlicht, verlinkt, vergessen. Dabei steckt in 45 Minuten Stoff für ein Quartal. Aus einer Folge werden Videoepisode, Audiofassung, Shorts, Fachartikel, Newsletter, Social Posts und Transkript. Bei Castalavista heisst dieses Prinzip Liquid Content. Das Gespräch ist der Rohdiamant, KI ist die Schleifmaschine, der Mensch bedient sie. Zwei Folgen pro Monat liefern so über 300 Inhalte im Jahr, ohne neue Aufnahme.


12. «Podcasts sind Wegwerfware»

Ein LinkedIn-Post lebt einen Tag. Eine Podcastfolge von 2019 wird 2026 noch gehört. Podcasts werden gefunden: über Suche, Verzeichnisse, Empfehlungen. Sie sind das Archiv, aus dem das Kurzfutter kommt. Unter den 500 Folgen im Studio arbeiten manche seit Jahren, ohne dass jemand sie neu bewirbt. Ein Post aus derselben Woche findet niemand mehr. Wer sein Archiv mit Transkripten und Episodenseiten pflegt, verlängert diese Lebensdauer.


13. «Die KI hört nicht zu»

Stimmt. Sie liest. ChatGPT, Perplexity und Google beantworten Fragen mit ganzen Texten und nennen Quellen. Ein Interview ist von Natur aus Frage und Antwort. Laut einer Analyse von drei Millionen ChatGPT-Antworten wird dieses Format doppelt so oft zitiert. Die Folge mit Diana Engetschwiler zur KI-Suche wurde deshalb zum Transkript mit Kapiteln und zum Blogbeitrag. Ein Podcast ohne Transkript bleibt für die Maschine stumm.


Zurück ins Sitzungszimmer

Die 47 Abrufe nach Folge drei waren kein Misserfolg. Es waren 47 Menschen, die freiwillig zugehört haben. Mit 50 Minuten Gespräch, Kamera ohne Aufpreis und einem Plan für die Verbreitung wären sie wiedergekommen. Und hätten weitererzählt. Die Mythen stammen vom Hörensagen. Die Antworten stammen vom Zuhören.

Christoph Soltmannowski ist Journalist und Gründer von Castalavista, einem Videopodcast-Studio in Zürich. Seit 2019 sind dort über 500 Folgen entstanden.

 
 
 

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